Nachhaltigkeit im Spannungsfeld zwischen ESG und Wehrfähigkeit
Wie viel Nachhaltigkeit verträgt Verteidigung?
Nachhaltigkeit ist als strategisches Prinzip inzwischen auch im Verteidigungssektor angekommen – allerdings gerät sie rasch in einen Zielkonflikt mit ESG-Vorgaben: „Wie viel Nachhaltigkeit verträgt Verteidigung?“ Auf der einen Seite verlangen Investoren und Öffentlichkeit ökologische, soziale und Governance-Kriterien. Auf der anderen Seite stehen sicherheitspolitische Erfordernisse, die eine starke, handlungsfähige Bundeswehr voraussetzen. Könnte das Werben europäischer Fonds für Rüstungsaktien im Namen von ESG ein Widerspruch sein, oder eher Ausdruck eines neuen Sicherheitsverständnisses? Entscheider in Ministerien, Bundeswehr und Rüstungsbetrieben stehen vor der Aufgabe, ESG-Vorgaben mit Wehrfähigkeit lösungsorientiert zu verbinden – ohne Scheinlösungen, aber auch ohne reflexiven Verzicht auf nachhaltige Kriterien.
1. Das Spannungsfeld: ESG vs. Wehrfähigkeit
- ESG-Kriterien und ethische Vorbehalte: Klassische ESG-Abstinenzpolitik hat Rüstungsaktien lange ausgeschlossen – etwa durch harte Umsatzgrenzen oder pauschalen Ausschluss von Waffenfirmen. Viele nachhaltige Fonds setzten darauf, dass „wo ESG draufsteht, keine Waffen drin sind“ (finanzkun.de).
- Sicherheitsdruck durch geopolitische Veränderungen: Der Überfall auf die Ukraine 2022 führte zu einer Neubewertung – ESG-Fonds begannen, Rüstungsaktien wieder aufzunehmen, insbesondere in Europa.
- EU-Taxonomie öffnet sich: Die ESMA klärte Mai 2024, dass nur geächtete Waffen in ESG-Fonds verboten sind – seither dürfen konventionelle Rüstungsunternehmen investiert werden (bvi.de).
2. ESG und Verteidigung: Ein Widerspruch?
- Defense als „soziale Nachhaltigkeit“: Für einige Investoren fördert Verteidigung Frieden und demokratische Werte – also einen Beitrag zur „social sustainability“.
- Individuelle ESG-Strategien: Asset Manager wie Candriam nutzen differenzierte Ansätze: Einige Fonds investieren weiterhin bewusst in konventionelle Rüstung (<10 % Umsatz), andere nicht; nachhaltige Fonds (Artikel 9) tun dies kaum.
- Kritik am ESG-Label: NGOs weisen darauf hin, dass ESG-Investments in Rüstung den Begriff verwässern könnten (Facing Finance e.V., FONDS professionell).
3. ESG und Wehrfähigkeit: Wie viel Nachhaltigkeit ist möglich?
a) Umwelt (E)
- Rüstungsfertigung ist energie- und ressourcenintensiv.
- Dual-Use-Komponenten für nachhaltige Technologien (z. B. seltene Erden) spielen hier eine Schnittstellenrolle (The Wall Street Journal).
- Produktionsprozesse können CO₂-Emissionen senken, Recycling verbessern und Ökodesign integrieren.
b) Soziales (S)
- Rüstung fördert Sicherheits-, Beschäftigungs- und Technologieziele.
- Gleichzeitig steht sie im Fokus gesellschaftlicher Debatten über Waffenexportpolitik und Menschenrechte (unpri.org, Süddeutsche.de).
- Entscheidungsqualität hängt von Governance und Ethik ab: Waffenlieferungen an demokratische Staaten vs. Staaten mit fragwürdiger Menschenrechtslage.
c) Governance (G)
- Transparenz über Geschäftsfelder und Exportpolitik stärkt Vertrauen.
- Compliance wirkt Korruption und Missmanagement entgegen – zentral für langfristige ESG-Akzeptanz.
- Governance allein genügt aber nicht: Auch konkrete Produktions- und Zulieferstandards müssen geprüft werden.
4. Praxis im deutschen Rüstungssektor
Rheinmetall & Hensoldt:
- Rheinmetall öffnet sich dem ESG-Kapitalmarkt – BlackRock ist inzwischen Großaktionär – und positioniert sich als stabiler Sicherheits- und Technologieanbieter.
- Hensoldt stellte sich EU- und Bundestests, nahm ESG-Maßnahmen in seine Strategie auf – blieb aber bei Exportfragen im Fokus wegen Geschäften mit Ländern wie Saudi-Arabien.
Finanzindustrie:
- Deutsche und nordische Fonds lockern ESG-Ausschlüsse – viele Fonds erlauben nun Investments in konventionelle Rüstung (Handelsblatt Live).
- Gleichzeitig bleibt das ESG-Label in vielen Fällen klar: Echte ESG-Fonds schließen Waffen weiter aus, während reine ESG+Defense-Fonds neu etabliert werden. ESG: Keine Waffen
5. Handlungsempfehlungen für Entscheider im Verteidigungs- und Rüstungsumfeld
- ESG-Anforderungen frühzeitig im Planungs- und Vergabeprozess berücksichtigen.
- Environmental Goals setzen: Produktionsanlagen klimafreundlich betreiben, Emissionen bilanzieren, Ressourceneffizienz erhöhen.
- Soziale Standards etablieren: Mitarbeiterrechte, Exportkontrolle, Menschenrechts-Compliance.
- Governance stärken: Transparente Berichtsformate nach DNK oder EU-Standards, klare Risiko & Korruptions-Managementsysteme.
- Kommunikative Offenlegung: Klarstellung, welche Waffentypen geliefert werden, an wen und aus welchen Gründen.
- Engagement mit ESG-Investoren: Dialog suchen, zeigen, wie Defense als Stabilitätsfaktor funktioniert.
6. Fazit: ESG und Wehrfähigkeit – kein Widerspruch bei ambitionierter Umsetzung
- ESG und Verteidigung stehen nicht zwangsläufig im Widerspruch – es kommt auf Differenzierung an: geächtete Waffen bleiben tabu, konventionelle Kapazitäten für demokratische Allianzpartner sind strategisch notwendig.
- Nachhaltigkeit ist möglich – durch zielgerichtete Maßnahmen in Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung.
- Entscheider müssen klare ESG-Strategien für Projekt-, Investitions- und Exportentscheidungen entwickeln – für öffentliche Akzeptanz und langfristige Investitionsfähigkeit.
TÜV Rheinland Consulting unterstützt Entscheidungsträger bei der Realisierung verteidigungsrelevanter Projekte. Mit Standortanalysen zu ESG-Compliance, Unterstützung bei Emissionsprofil, Menschenrechts und GovernanceAudits sowie bei Investor-Dialogen.
→ Nehmen Sie Kontakt mit uns auf.
→ Empfehlen Sie diesen Beitrag innerhalb Ihres Netzwerks in Verteidigung, Infrastruktur und Verwaltung.

Nächste Schritte – Jetzt handeln!
Vermeiden Sie Verzögerungen und stellen Sie Ihre Infrastrukturprojekte rechtzeitig zukunftssicher auf.
Nehmen Sie direkt Kontakt zu unserem Geschäftsführer Mariusz Bodek für ein unverbindliches Erstgespräch auf und erfahren Sie, wie wir Sie gezielt unterstützen können!
Er ist nicht nur strategischer Berater mit Bundeswehr-Erfahrung, sondern in seiner Rolle als Geschäftsführer ebenso verantwortlich für die erfolgreiche Umsetzung komplexer sicherheitsrelevanter Projekte. Er berät dadurch Entscheider:innen auf Augenhöhe – mit derselben Perspektive auf Risiken, Pflichten und die strategische Bedeutung resilienter, digitaler und nachhaltiger Infrastruktur.